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Nachhaltigkeit beginnt im Design: Die Zukunft der Fertigung

Geschrieben von Modular Management | 27.11.2025 14:45:25

Zwischen Festtag und Realität

Jeden Oktober feiert die USA den Manufacturing Month, eine landesweite Initiative zur Förderung von Innovation, Fachkräftenachwuchs und der Zukunft der industriellen Produktion. Fabriken öffnen ihre Tore, Politiker halten Reden, und es herrscht spürbarer Optimismus – dass Fertigung wieder zu einem Treiber von Wohlstand und Stolz werden kann.

Doch hinter der Euphorie steht eine dringende Realität: Industrieunternehmen geraten zunehmend unter Druck durch strengere CO₂-Vorgaben, Ressourcenknappheit und Investoren, die messbare Nachhaltigkeit einfordern.

Es fehlt nicht an Ambitionen – sondern an Strukturen. Denn viele Produktionssysteme basieren noch auf Grundkonzepten, die nie für Kreislaufwirtschaft oder Wiederverwendung ausgelegt waren.

Nachhaltigkeit ist zum Schlagwort der modernen Fertigung geworden – und doch ist ein Großteil der weltweiten Produktionsinfrastruktur noch immer linear: Rohstoffe werden entnommen, Produkte gefertigt, verkauft und entsorgt. Dabei gehen enorme Werte verloren. In Zeiten steigender Kosten, unsicherer Lieferketten und Fachkräftemangel ist dieses Modell nicht mehr tragfähig.

Warum die alten Strukturen versagen

Das Problem ist kein philosophisches – sondern ein strukturelles. Die meisten Produktarchitekturen wurden auf maximale Leistung und minimale Stückkosten optimiert – nicht auf Langlebigkeit oder Rückgewinnung. Komponenten sind häufig verschweißt, verklebt oder überintegriert, sodass Demontage kaum möglich ist.

Daten zum Produktlebenszyklus sind fragmentiert – verteilt auf Entwicklung, Fertigung und Service. Zwar investieren viele Unternehmen massiv in Digitalisierung, doch nur wenige haben ihre Produkt- oder Fabrikarchitektur überdacht, um Wiederverwendung zu ermöglichen.

Das Ergebnis: eine Lücke zwischen Nachhaltigkeitszielen und Konstruktionslogik. Zwar existieren Tools zur Analyse ökologischer Auswirkungen – sie kommen jedoch selten in den frühen Phasen des Produktentstehungsprozesses zum Einsatz, wo rund 80  % des ökologischen Fußabdrucks eines Produkts festgelegt werden.

Es reicht also nicht, grünere Fabriken zu bauen. Wir müssen neu denken, was diese Fabriken bauen sollen.

Der Wandel hin zu struktureller Nachhaltigkeit

 Neue Forschung schließt diese Lücke langsam. Studien zeigen, dass modulare und standardisierte Konstruktionsansätze zu den effektivsten Hebeln für Wiederverwendung und Anpassungsfähigkeit in zirkulären Fertigungssystemen zählen – insbesondere in Kombination mit „Design for Disassembly“-Methoden .[1], [2]

So sieht echte Kreislaufwirtschaft in der Praxis aus: Nicht erst Recycling am Ende – sondern Wiederverwendung durch intelligentes Design von Anfang an.

Diese strukturelle Flexibilität schafft zugleich Resilienz. Wenn Lieferketten schwanken, ermöglichen modulare Systeme lokale Fertigung und den einfachen Austausch von Materialien oder Lieferanten.

Auch wirtschaftlich gewinnt Wiederverwendung an Bedeutung: geringere Gesamtbetriebskosten, schnellere Innovationszyklen und geringere Abhängigkeit von knappen Ressourcen.

Doch dieser Wandel ist weder simpel noch kosmetisch. Er verlangt ein Umdenken in Bezug auf Produktaufbau-Governance, Eigentum über den Produktlebenszyklus sowie Vorhandensein und Zugriff entsprechender Daten bei der Entwicklung und Produktlebenszyklusmanagement.

Unternehmen, die diese Transformation konsequent angehen, erkennen zunehmend: Nachhaltigkeit und Profitabilität lassen sich vereinen – wenn die Produktarchitektur es zulässt.

Manufacturing Month als Wendepunkt

Der Manufacturing Month bietet den perfekten Anlass, um zu hinterfragen:
Wie viele Nachhaltigkeitsprogramme sind heute wirklich im
Produktaufbau verankert?
Wie viel unserer Produktionskapazität ist noch auf Einmalfertigung optimiert – statt auf Rückgewinnung und Wiederverwendung?
Und wie könnten neue digitale Werkzeuge – von KI-gestützter Konfiguration bis hin zu Lifecycle-Analytics – helfen, den Sprung von der Vision zur Umsetzung zu schaffen?

Die Antworten auf diese Fragen werden die industrielle Wettbewerbsfähigkeit des kommenden Jahrzehnts prägen.

Die Unternehmen, die Nachhaltigkeit als strukturelle Fähigkeit und nicht als Marketingziel verstehen, werden künftig Talente, Kapital und Kundentreue gewinnen – in einem global zunehmend angespannten Marktumfeld.

 

Von Vision zur Umsetzung

Die diesjährigen Feierlichkeiten sollten nicht nur die Fortschritte der modernen Fertigung würdigen – sondern auch deren Grundannahmen hinterfragen.

Echte Kreislauffähigkeit beginnt nicht am Ende, sondern am Anfang – bei der Konstruktion.

Wenn Produkte aus standardisierten, wiederverwendbaren Modulen aufgebaut sind, wird Nachhaltigkeit nicht länger zur nachträglichen Option, sondern zur gelebten Realität im Alltag: Weniger Abfall, einfachere Wartung, längere Lebensdauer.

Das ist die stille Revolution, die der Manufacturing Month wirklich feiern sollte:
Design als Fundament der Kreislaufwirtschaft – und Struktur als Strategie, die aus Ambition konkrete
Ergebnisse erzielt.

Quellen

[1] Johansson, P. and Li, S. (2025). ‘Product reuse and repurpose in circular manufacturing: a critical review of key challenges, shortcomings and future directions’, Journal of Manufacturing and Materials Processing, Springer, March.  Volltext ansehen:  https://link.springer.com/article/10.1007/s13243-025-00153-y. (Accessed: 6 October 2025).

[2]Kumar, A. and Persson, L. (2025). ‘Design for Disassembly in Modular Product Development: Methods and Industrial Applications’, arXiv preprint, May.  Volltext ansehen: https://arxiv.org/abs/2505.01762. (Accessed: 6 October 2025).