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Agile, Lean und Modularisierung: drei Konzepte, ein gemeinsames Ziel

Agile, Lean und Modularisierung sind drei wichtige Themen, die viele Unternehmen beschäftigen. Oft versuchen diese, zwei oder drei dieser Strategien simultan umzusetzen. Als Methoden mögen Agile, Lean und Modularisierung in unterschiedlichen Kontexten entstanden sein, aber sie haben viele Gemeinsamkeiten und verfolgen ein gemeinsames Ziel: durch das Überwinden der internen Komplexität im Unternehmen die Flexibilität, Effizienz und Kundenzufriedenheit zu erhöhen.

Da es Überschneidungen zwischen den Konzepten gibt, hat es Sinn, diese auch gemeinsam umzusetzen. Unternehmen, die Agile, Lean und Modularisierung getrennt betrachten, entwickeln verschiedene Strategien, um eigentlich ähnliche Zielsetzungen zu verfolgen, und schaffen dadurch unnötigen Mehraufwand, wenn unkoordiniert an deren Umsetzung gearbeitet wird.

Um Agile, Lean und Modularisierung als strategische Zielsetzungen erfolgreich und effizient simultan umsetzen zu können, müssen Unternehmen jedoch zunächst einmal verstehen, wie die drei Konzepte verbindet als auch unterscheidet. In diesem Blog-Artikel werden wir Ihnen erklären, warum die drei Methoden trotz unterschiedlicher Entstehungskontexte gleiche Problemstellungen adressieren und welche Zusammenhänge zwischen agiler Entwicklung, Lean und Modularisierung bestehen.

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Komplexität als Ausgangsproblem vieler Unternehmen, das neue Methoden erfordert

Lean, Agile und Modularisierung sind drei Vorgehensweisen zum Lösen eines gemeinsamen Problems: eine zu hohe Komplexität im Unternehmen und damit einhergehende hohe Kosten und Zeitaufwände. Schauen wir uns einmal genauer an, was Komplexität überhaupt ist.

Komplexität ist ein natürliches Phänomen, das in allen biologischen, physikalischen oder vom Menschen geschaffenen Systemen auftritt, die aus vielen miteinander interagierenden Elementen bestehen. Ein komplexes System ist jedes System mit vielen verschiedenen Elementen, die miteinander interagieren und voneinander abhängig sind.

Komplexe Systeme sind von Natur aus schwer zu verstehen, zu steuern und vorherzusagen.

Beispiele für komplexe Systeme sind Ökosysteme, Finanzmärkte und lebende Organismen. Auch Unternehmen sind als komplexe Systeme zu verstehen, da sie viele Komponenten haben, die miteinander interagieren: Menschen, Produkte, Technologien, Wettbewerber, Kapitalressourcen, Kunden und mehr. Je mehr Teile und je mehr Abhängigkeiten, desto komplexer wird das System sein.

Leseempfehlung: Hier lesen Sie alles, was Sie zu Komplexität und Komplexitätskosten wissen müssen.

In Bezug auf das Portfoliomanagement ist Komplexität im Unternehmen häufig das Resultat eines über die Jahre unkontrolliert wachsenden Produktportfolios. Auch ein durch fehlende Produktabkündigung wachsender Bestand an alten Produkten, die weiterhin verwaltet und gepflegt werden müssen, treibt die interne Komplexität in die Höhe.

Das Gleiche gilt für unüberlegt getroffene Produktentscheidungen, um auf sich rasch ändernde Kundenanforderungen am Markt zu reagieren. Werden ohne Strategie neue Produkte auf den Markt gebracht, nur um aktuellen Trends und neu aufkommenden Anforderungen nachzukommen, führt das unweigerlich zu Überschneidungen im Produktportfolio und damit zu mehr Komplexität.

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Lean, Agile und Modularisierung sind drei verschiedene Methoden, die darauf abzielen, Komplexität im Geschäftsablauf zu verringern. Dabei greifen sie auf die gleiche fundamentale Konzepte zurück, die auch in anderen Methoden der Systemwissenschaft verwendet werden, unter anderem im Concurrent Engineering und im Design Thinking.

Agile, Lean und Modularisierung: Definitionen und Ursprung

Um die Zusammenhänge zwischen Lean, Agile und Modularisierung besser verstehen zu können, wollen wir uns zunächst genauer anschauen, wo die drei Konzepte ihren Ursprung haben und was genau sie bedeuten.

Lean

Auch wenn sich der Grundgedanke von Lean bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, liegt der Ursprung der Methode, wie wir sie heute kennen, in der japanischen Automobilindustrie. Das von Toyota unter der Führung von Taiichi Ohno und Shigeo Shingo entwickelte Produktionssystem wurde letztlich von westlichen Wissenschaftlern mit dem Begriff “lean” beschrieben und das Konzept so namenstechnisch geprägt.

Im Vordergrund stehen sich wiederholende Prozesse, vor allem die Produktion einer Vielzahl von Produkten, die auf einem Markt angeboten werden. In diesem Zusammenhang spricht man auch von “Make to Order” (MTO). Anders als bei traditionellen Vorgehensweisen, bei denen die Produktion einem Push-Batch-Schema folgt und einfach nur auf Vorrat produziert wird, beschreibt Lean eine Vorgehensweise, bei der Prozesse miteinander gekoppelt und alle Produkte auf derselben Montagelinie just in time produziert werden. Die Vorteile sind deutlich reduzierte Lagerbestände, kürzere Durchlaufzeiten, geringere Kapitalinvestitionen, ein höheres Maß an Qualität und eine größere Liefergenauigkeit.

Agile

Agile ist ein ursprünglich in der Softwareentwicklung verankerter Ansatz für Projektmanagement, dessen Grundsätze 2001 im sogenannten Manifest für agile Softwareentwicklung festgehalten wurden. Mittlerweile kommen agile Methoden aber auch in der Entwicklung von Hardware-Produkten zum Einsatz.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf einmaligen, größeren Projekten, die in den Bereich “Engineer to order” (ETO) fallen und zur Realisierung der Interessen eines bestimmten Kunden gedacht sind. Beispiele sind die Entwicklung individueller Software oder eines neuen Flugzeugs.

Bei der agilen Produktentwicklung wird die Arbeit in einem Netzwerk von sich selbst organisierenden, autonomen und funktionsübergreifenden Teams organisiert, die das Produkt inkrementell entwickeln und während des Prozesses flexibel auf Änderungen reagieren. Im Vergleich zum klassischen Wasserfallmodell, das stark kontrolliert und unflexibel ist, ermöglicht ein agiles Vorgehen, die Vorlaufzeiten zu verkürzen und den Ressourcenverbrauch zu verringern. Die bekanntesten agilen Entwicklungsmethoden sind SCRUM, Kanban und XP.

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Leseempfehlung: Wie Sie agile Entwicklung bei Hardware-Produkten erfolgreich umsetzen, lesen Sie hier.

Modularisierung

Modularisierung wird als Strategie von Unternehmen genutzt, um Komplexitätskosten zu senken, Skaleneffekte in der gesamten Wertschöpfungskette zu erreichen und trotzdem kundenindividuelle Produkte anbieten zu können. Als Pioniere der Modularisierung sind unter anderem der schwedische Lkw-Hersteller Scania und Carl Edvard Jonssons zu sehen, der das Endmaß erfand und es damit ermöglichte, austauschbare Teile in industriellem Maßstab zu produzieren.

Im Unterschied zu agil liegt der Fokus hier nicht auf dem Prozess, sondern vielmehr auf dem Design selbst. Das Ziel besteht darin, eine modulare Produktarchitektur zu entwickeln, aus der nach einem “Configure-to-order”-Ansatz unterschiedliche Produkte für einzelne Kunden erzeugt werden können. Damit wird Produktvielfalt weitgehend von Teilevielfalt (einschliesslich Software und Service) entkoppelt.

Unternehmen, die nicht mit einem modularen Baukasten arbeiten, müssen ihre Produkte einzeln entwickeln, was oft zu Überschneidungen im Produktportfolio und aufgrund der vielen zu verwaltenden Teile zu einem Anstieg der internen Komplexität führt. Außerdem sind die Anpassungsmöglichkeiten des Produkts zur Berücksichtigung individueller Kundenwünsche deutlich geringer.

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Modulare Produktarchitekturen hingegen umfassen einen Satz vorgefertigter Module, die eine Reihe verschiedener Funktionen und Leistungsstufen abdecken und über standardisierte Schnittstellen miteinander kombiniert werden können. Die generische Produktstruktur ist in einer modularen Stückliste abgebildet, die die Vielzahl an Stücklisten ersetzt, die bei einer nicht modularen Vorgehensweise anfallen würden. Dadurch müssen nicht immer wieder neue Produkte ganzheitlich entwickelt werden, sondern es genügt auf Modulebene neue Preis-/Leistungsstufen einzuführen. Dadurch können die Prinzipien von Lean und Agile viel einfacher im Unternehmen umgesetzt werden, was zusätzliche Effizienzsteigerungen ermöglicht.

Leseempfehlung: Hier lesen Sie alles, was Sie zu Modularisierung wissen müssen.

 

Ähnliche Gegebenheiten und Zielsetzungen bei Lean, Agile und Modularisierung 

Lean, Agile und Modularisierung mögen in unterschiedlichen Industrien und zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sein, aber das Hauptziel, das sie verfolgen, ist dasselbe: Die drei Methoden zielen darauf ab, in komplexen Systemen auf effiziente Weise Resultate zu erreichen.

Schauen wir uns einmal an, wie die Zielsetzungen Kundenzufriedenheit und Effizienz jeweils bei Lean, Agile und Modularisierung umgesetzt werden und welche Komplexitätsherausforderungen diese im Einzelnen lösen.

Komplexität

Bei Lean besteht die Komplexität darin, dass der Produktionsbedarf aufgrund einer sich ständig ändernden Marktnachfrage nur schwer vorhergesagt werden kann. Der Wandel von einer begrenzten Auswahl an Modellen hin zu einer großen Auswahl an Modellen, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Automobilindustrie vollzogen hat, hat die damals übliche Produktion auf Vorrat wesentlich kostspieliger und ineffizienter gemacht. Lean löst diese Herausforderung durch das Eliminieren unnötiger Prozesse und das Vermeiden von Verschwendung, wodurch auch das Management vereinfacht wird.

Bei agilen Projekten rührt die Komplexität daher, dass sich Änderungen in den Anforderungen eines Entwicklungsprojektes nur schwer vorhersagen lassen, wenn für einen Kunden ein völlig neues Produkt entwickelt werden soll. Ein agiles Vorgehen überwindet die bestehenden Komplexitätsherausforderungen durch die Aufteilung in autonome Einheiten, Teams, Arbeitsstationen, Takte und Sprints mit einfachen Punkt-zu-Punkt-Interaktionen.

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Im Kontext der Modularisierung ist Komplexität das Resultat unterschiedlicher Kundenwünsche, die alle vorhergesagt und abgedeckt werden sollen. Ein fertig entwickeltes Produkt für einen Markt anzubieten, der von sehr unterschiedlichen Kundenanforderungen geprägt ist, stellt Unternehmen vor eine große Herausforderung. Im Unterschied zu Agile und Lean ist Komplexität hier nicht bezogen auf Organisation und Prozesse, sondern vielmehr auf die Produktarchitektur selbst.

Modularisierung optimiert Komplexität, indem sie die Anzahl der benötigten Bauteile und Komponenten reduziert und die Komponenten durch standardisierte Schnittstellen voneinander entkoppelt und dadurch unabhängig macht. Die modulare Architektur wird so einfacher und kann mit weniger Ressourcen verwaltet und gepflegt werden. Modularität zielt auf Teileeffizienz im Unternehmen; wieviel Produktvarianz kann im Schnitt mit einer Teilenummer erzielt werden. Teileeffizienz steht in direktem Zusammenhang mit der Profitabilität eines Unternehmens.

Leseempfehlung: Unternehmen, die auf agile Entwicklung umstellen wollen, sollten ihre Produktarchitektur modular gestalten. Hier lesen Sie, warum Modularisierung die Voraussetzung für agile Produktentwicklung ist.

Kundenzufriedenheit

Die zweite Zielsetzung, die Lean, Agile und Modularisierung gemeinsam haben, ist das Erreichen einer möglichst hohen Kundenzufriedenheit. Aber während das übergeordnete Ziel dasselbe ist, unterscheiden sich die drei Methoden hinsichtlich dessen, wie sie Kundenzufriedenheit definieren.

Bei Lean geht es darum, das richtige Produktmodell mit den passenden Spezifikationen in der richtigen Anzahl, mit der richtigen Qualität und zum richtigen Zeitpunkt für jeden einzelnen Kunden zu produzieren. Bei Agile bedeutet Kundenzufriedenheit, ein Produkt zu liefern, das genau den Bedürfnissen eines bestimmten Kunden entspricht, und das unter Einhaltung der zeitlichen Vorgaben.

Optimale Kundenzufriedenheit bei Modularisierung hingegen bedeutet, dass jeder einzelne Kunde sich eine eigene Produktkonfiguration erstellen kann, die genau auf seine Bedürfnisse abgestimmt ist, ohne dass dafür zusätzliche Arbeit in der Produktentwicklung anfällt.

Effizienz

Effizienz ist der dritte gemeinsame Nenner, den Lean, Agile und Modularisierung teilen. Bei Lean geht es hierbei in erster Linie um Effizienz in der Produktion, d. h. darum, das Kapital, den Bestand, die Arbeitskräfte und die Ressourcen, die benötigt werden, zu reduzieren und Produkte mit möglichst kurzer Vorlaufzeit zu liefern.

Effizienz bei agilen Methoden bezieht sich hingegen auf die Produktentwicklung, also auf die Ressourcen und die Zeit, die für die Planung, den Entwurf, die Konstruktion, das Testen, die Überprüfung und die Markteinführung eines Produkts erforderlich sind.

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Im Rahmen der Modularisierung wird Effizienz durch Design erreicht. Um eine große Vielfalt an Funktionen und Produkteigenschaften abdecken zu können, wird eine einheitliche Architektur entwickelt, die es ermöglicht, verschiedene Produktvarianten zu konfigurieren, ohne dass es dabei zu sich überschneidenden Lösungen oder unnötigen Teilen kommt.

Leseempfehlung: Eine detaillierte Anleitung, wie Sie mehr Effizienz in der Produktentwicklung dank Modularisierung erreichen, finden Sie hier.

 Agile, Lean und Modularisierung folgen den gleichen Zielsetzungen und fundamentalen Prinzipien

Wie wir gesehen haben, sind Lean, Agile und Modularisierung aus ähnlichen Zielsetzungen heraus entstanden. Der gemeinsame Nenner der drei Methoden liegt darin, dass sie die notwendigen Werkzeuge liefern, die Unternehmen brauchen, um Komplexitätsprobleme zu lösen. Welche Faktoren zu Komplexität führen und wie diese überwunden wird, unterscheidet sich jedoch von Methode zu Methode.

Während Modularisierung das Problem komplexer Produktportfolios durch eine konfigurierbare, modulare Produktarchitektur löst, liegt der Fokus bei Lean und Agile auf der Optimierung der internen Prozesse und Organisation, um Verschwendungen zu minimieren und durch autonome Teams eine höhere Effizienz in der Entwicklung zu erreichen.

Obwohl sich die Maßnahmen zur Bewältigung der Komplexität bei Lean, Agile und Modularisierung in der Methodik unterscheiden, verfolgen sie eine ähnliche Zielstellung und folgen sechs grundlegenden Konzepten:

  • Klarer Fokus auf das, was echten Kundennutzen bringt, und Ausschluss von allen Prozessen, Designs und Vorgehensweisen, die nicht funktionieren.
  • Entkopplung und Aufteilung von Design, Prozessen und Organisation in kleinere autonome Einheiten.
  • Entwicklung von vereinfachten Routinen, die wiederverwendbar sind und feste Standards setzen.
  • Alignment der autonomen Einheiten für eine bessere Zusammenarbeit.
  • Anpassungsfähigkeit an Veränderungen, die nicht antizipiert werden können, und Schaffung von Möglichkeiten, entsprechend auf sie reagieren zu können.
  • Kontinuierliche Anpassung von Konzepten, Prozessen und Vorgehensweisen nach den ermittelten Verbesserungsvorschlägen aus Feedbackrunden.

Diese sechs Konzepte bilden die gemeinsame Essenz von Lean, Agile und Modularisierung und sind fundamental, um im Unternehmen Effizient zu erhöhen, wobei Modularität die eigentliche Ursache - zu vieler Teilenummern um Produktvielfalt zu realisieren - eliminiert Wie genau diese Konzepte in der Praxis anzuwenden sind und welche Fallstricke es dabei zu vermeiden gilt, erklären wir Ihnen in unserem Whitepaper, das Sie sich hier kostenlos herunterladen können .

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