Die folgende Abbildung gibt einen Überblick der Bereiche der modularen Baukastenentwicklung:

Im Folgenden werden wir die Bereiche Markt & Kundenbedürfnisse, Technologie, Definition des Modulsystems, Konfiguration sowie Planung & Kosten kurz vorstellen und mit Beispielen illustrieren.
Markt & Kundenbedürfnisse
Um die Potenziale eines modularen Baukastens im Maschinenbau voll zu realisieren, muss dieser ausgehend von Kundenbedürfnissen und Unternehmensstrategie entwickelt werden (Outside-In-Ansatz). Hierbei ist die Definition einer zugehörigen Produktstrategie entscheidend. Die Voraussetzung für eine solche Produktstrategie ist es, den Kundenbedarf hinter Spezifikationen zu kennen sowie entsprechende Kundensegmente zu bestimmen.
Mit einem systematischen Blick auf Kundenbedarfe und Marktstruktur gelingt es, die Frage „Was wollen unsere Kunden?“ klar und einheitlich zu beantworten. An die Stelle unterschiedlicher Meinungen und Auffassungen über Kundenwünsche treten nachvollziehbare Marktsegmente, die mit Kundennutzen und Produkteigenschaften verknüpft sind. Der Kundennutzen ist somit von Beginn einer Modularisierung an in der modularen Produktarchitektur verankert. Kundenbedarf verstehen heißt: Wissen, welche Vorteile die Kunden suchen und welche Erfahrung sie machen wollen, wenn sie die Produkte eines Unternehmens nutzen. Das bekannte Beispiel: Brauchen die Kunden eine Bohrmaschine oder Löcher variablen Durchmessers und variabler Tiefe in verschiedenen Materialien?
Im Falle unseres Beispielunternehmens, dem mittelständischen Maschinenbauer, war ein wichtiger erster Schritt die Analyse der sogenannten externen Vielfalt. Hierbei wurden die Eigenschaften aus Kundensicht identifiziert, anhand derer der Kunde sich für eine bestimmte Variante des Produktes entscheidet. Hierbei ist es wichtig, dass ausschließlich die Vielfalt aus Kundensicht betrachtet wird. Im Beispiel ist der Kunde daran interessiert, dass seine Anlage eine bestimmte stündliche Ausbringungsmenge leistet. Es ist für ihn nicht von direktem Interesse mit welcher technischen Lösung oder mit welcher Baugruppe dies realisiert wird.
Dieser Wechsel der Perspektive auf das eigene Produkt von einer technischen Sicht hin zur Kundensicht ermöglichte die Strukturierung des Portfolios anhand von Kundenbedarf sowie die Identifikation von Produktvarianten, die keinen großen zusätzlichen Kundennutzen bieten.
Leseempfehlung: Unser Leitfaden zeigt Ihnen den Weg weg vom reinen Produktdenken hin zu echter Kundenzentrierung, die immer Outside-In bei Ihren Kunden startet. Erfahren Sie Schritt für Schritt, wie Sie durch eine kundennutzenorientierte Marktsegmentierung den wahren Kundennutzen bzw. Kundenbedarf entschlüsseln, und diese Erkenntnisse schließlich systematisch in präzise technische Produktspezifikationen und zukunftsfähige modulare Produktarchitekturen übersetzen.
Technologie
Die Basis eines Produktes sind dessen Komponenten, die in der Modularisierung zu Modulen zusammengefasst werden. Im Rahmen der Baukastenentwicklung wird der Link zwischen Markt und Kundenwerten sowie den Komponenten hergestellt. So wird ein durchgängiger Link zwischen Markt & Kunden, Technologie, Modulen und Variantensortiment erzeugt.
Ein wichtiger Schritt im Bereich Technologie ist außerdem die Erfassung der existierenden technischen Vielfalt. Hierbei werden alle Komponentenvarianten in allen Produktvarianten aller Maschinengenerationen erfasst. Dieser Ist-Zustand der technischen Vielfalt ist der Maßstab, an dem sich ein modulares zukünftiges Konzept messen muss.
Bei der Analyse der internen technischen Vielfalt ist die Granularität der Zerlegung in Komponenten entscheidend. Dies zeigte sich auch bei unserem mittelständischen Maschinenbauer. Bei der Analyse der Variantenvielfalt einer Komponente der aktuellen Maschinengeneration ergab sich eine große Anzahl von Varianten. Bei genauerem Stücklistenvergleich stellte sich jedoch heraus, dass alle die gefundenen Baugruppenvarianten auf Teileebene zu 95 Prozent identisch waren. Nur ein geringer Umfang von Bauteilen, die spezifisch für verschiedene Produktdimensionen waren, unterschied sich tatsächlich. Diese Erkenntnis führte dazu, die Hauptbaugruppe in zwei Komponenten zu zerlegen, von denen eine bereits nahezu standardisiert war.
Definition des Modulsystems
Der Kern eines modularen Baukastens sind die Module. Die richtige Definition der Module ist der Schlüssel zu einem Baukasten, der für das Unternehmen profitabel und für ihre Kunden attraktiv ist.
Die Gruppierung von Komponenten zu Modulen bildet das Kernelement des MFD-Prozesses (Modular Function Deployment). Hierbei werden Komponenten anhand von Modultreibern zu Modulen gruppiert. Die Modultreiber sind auf Basis von Kundennutzen und Unternehmensstrategie definiert, so dass diese über die Definition des Modulsystems in der modularen Produktarchitektur verankert werden. Neben der Gruppierung zu Modulen werden außerdem Modulvarianten abgeleitet und Schnittstellen zwischen Modulen spezifiziert. Dadurch wird erreicht, dass ein modularer Baukasten das spezifische Geschäftsumfeld und Geschäftsmodell eines Unternehmens zielgenau berücksichtigt.
Im Fall unseres mittelständischen Maschinenbauers zeigte sich, dass die Komplexität effektiv reduziert werden kann, indem sich die Modulgruppierung an den wichtigsten Kundeneigenschaften der Maschinen orientiert: An der Form des verarbeiteten Stückguts, dessen Grundfläche und der Ausbringungsleistung der Maschine.
Die Modularisierung unter Berücksichtigung dieser stark varianten Kundeneigenschaften ermöglichte es, die Komplexität zu großen Teilen in dedizierten Modulen zu kapseln und den Rest der Maschinen weitgehend zu standardisieren.
Konfiguration
Im Rahmen der Variantenkonfiguration wird die Produktstruktur erstellt, Konfigurationsregeln definiert und ein Sortiment von Produktvarianten festgelegt. Die Grundlage hierfür wurde in allen vorangegangenen Schritten erarbeitet und die Konfiguration baut auf einer modularen Produktarchitektur auf, die auf Basis von Kundenbedürfnissen und Unternehmensstrategie definiert wurde.
Die Produktvarianten mit hinterlegten Konfigurationsregeln können nun auch final in einen Vertriebskonfigurator und in einen am Kundenbedarf ausgerichteten Verkaufsprozess (guided selling/value based selling) überführt werden.
So wird nun der Kreis geschlossen: Die Kundenbedürfnisse, die im Schritt Markt & Kundenbedürfnisse identifiziert wurden und im Schritt Definition des Modulsystems in einer modularen Produktarchitektur verankert wurden, werden nun vom Kunden und Vertriebsmitarbeitern genutzt, um das individuell passende Produkt zu konfigurieren.
Leseempfehlung: Lesen Sie in unserem Artikel „Produktkonfiguration inkl. Guided Selling mit Modularisierung umsetzen“ wie Produktkonfiguration anhand des Kundenbedarfs konkret aussehen kann
Planung & Kosten
Die Profitabilität modularer Produktarchitekturen muss nicht nur während der Implementierung, sondern auch während der gesamten Lebensdauer der Architektur aktiv gesteuert werden. Nur so wird sichergestellt, dass gesetzte Geschäftszieleziele erreicht werden und die Architektur auf Dauer erfolgreich ist. Die Überwachung der Profitabilität ist damit ein zentraler Baustein eines erfolgreichen Variantenmanagements. Jedes Mal, wenn eine neue Modulvariante entwickelt wird, muss sichergestellt werden, dass diese zum Erreichen der Profitabilitätsziele des modularen Baukastens und des Unternehmens beiträgt. Das schließt phase-in und phase-out Entscheidungen mit ein.
Der Themenbereich Planung und Kosten ist daher in der Baukastenentwicklung nicht sequenziell zu den anderen Themenbereichen angeordnet, sondern findet vorab, parallel und kontinuierlich statt. Vor Implementierung eines modularen Baukastens werden mit einer Potenzialanalyse dessen Effekt auf Kosten und Umsatz ermittelt. Im Rahmen der Baukastenentwicklung werden Modulvarianten so gewählt, dass die Profitabilität des Baukastens optimiert wird und während der kontinuierlichen Lenkung (Governance) und Optimierung des Baukastens wird die langfristige Profitabilität sichergestellt.
Leseempfehlung: Lesen Sie in unserem Artikel zu dem Thema, wie sich die Profitabilität Ihres modularen Baukastens konkret zusammensetzt.
Fazit: Mehr Auswahl und kürzere Time-to-Market durch Modularisierung im Maschinenbau
Der deutsche Maschinenbau ist bekannt dafür, Produkte auf höchstem Leistungsniveau zu entwickeln, die maßgeschneidert sind für die individuellen Anforderungen jedes einzelnen Kunden. Die Diversifikation von Märkten hat zu immer breiteren Produktportfolios geführt, diese Entwicklung wird durch die immer stärkere Vernetzung und Digitalisierung von Produkten noch beschleunigt. Die Konsequenz ist eine proportionale Zunahme von interner technischer Komplexität, die in vielen Unternehmen nicht nur die Entwicklungsabteilung zu lähmen droht.
Einen Weg aus dieser Komplexitätsfalle bietet der Wechsel von traditioneller, projektorientierter Entwicklung hin zur Entwicklung von modularen Baukästen. Modulare Entwicklung verlangt Unternehmen ab, Entwicklungsleistung in eine modulare Produktarchitektur zu investieren, die auf Kundenbedarf und Unternehmensstrategie basiert, führt aber in der Konsequenz zu deutlicher Komplexitätsreduktion und Aufwandsersparnis. Die Abbildung illustriert das „frontloading“ von Entwicklungsleistung:

In der Konsequenz ermöglicht ein modularer Baukasten so die Entwicklung von Produktvarianten mit deutlich kürzerer Zeit bis zur Markteinführung pro Produktvariante (Time-to-Market, kurz TTM), geringerer Komplexität und niedrigeren Kosten bei der Betrachtung des gesamten Produktportfolios, als es mit einem traditionellen, projektorientierten Entwicklungsansatz möglich wäre.
Im Fall unseres mittelständischen Maschinenbauers waren die Effekte der Modularisierung erheblich. Es wurde ein Gesamtkonzept erstellt, dass ohne radikale technische Änderungen auskommt, da die Ausgangssituation bereits eine Überlastung der Entwicklungsabteilung war. Das Konzept umfasste die Standardisierung von 55 % der Komponenten, was zu einer Reduktion der Gesamtkomponentenanzahl um 51 % führte. Der Effekt dieser Reduktion von technischer Komplexität wurde mit -25 % bei den initialen Entwicklungsaufwänden und -10 % bei der Umsetzung von Änderungen über die Lebenszeit von Produkten hinweg abgeschätzt.
Die Effekte des modularen Konzepts blieben jedoch nicht auf die Entwicklungsabteilung beschränkt. Die zu erwartenden Kosten für die Qualifikation neuer Verarbeitungsmaterialien wurden um 67 % reduziert. Die Einkaufskosten der nun standardisierten Komponenten konnten um bis zu 45 % reduziert werden. Die Kosten für die Erstellung der Maschinendokumentation konnten um 20-30 % vermindert werden.
In unserem detaillierten Whitepaper stellen wir Ihnen weitere wichtige Erfolgsfaktoren für die Modularisierung vor:


